Und dann nischt wie raus nach Wannsee
Eine kleine Reise in diesem Sommer führte mich wieder mal in die Hauptstadt. Eine Fahrt nach Berlin ist – wenn man mal von vielen Möglichkeiten, die einem die Deutsche Bahn bietet, absieht – eigentlich kein großes Abenteuer mehr, zumal wenn man mit Freunden reist und Freunde besucht, von denen man wie in Abrahams Schoß umsorgt wird. Allerdings: Es kommt drauf an, was man draus macht, denn auf die Bahn war auf dieser Reise – zum wiederholten Mal – in Punkto Abenteuer kein Verlass: Wir fuhren pünktlich los und kamen pünktlich an, reisten in klimatisierten Zügen und wurden vom Personal regelmäßig nach unseren Wünschen befragt.
Nach der Ankunft schloss ich zwecks besseren Flanierens mein Köfferchen ein, und wir konnten unseren ersten Kaffee und eine Heidelbeer-Tarte am Ufer der Spree genießen. Unser kleiner Fußweg führte uns vorbei an der Museumsinsel in die Hackeschen Höfe, wo ich ein wenig shoppte, während meine Freundin mich bei kalten Getränken beriet. Weiter führte unser Weg in den Prater, einen großen Biergarten im Prenzlauer Berg, wo wir Krustenbraten, Sauerkraut, Bier und Wein genossen und einen wunderbar frauenseligen Abend verbrachten. Wir holten den Koffer aus dem Schließfach, setzten uns in die S-Bahn und fuhren Richtung Homebase. Linie S1, bis Endstation Frohnau. Eine schöne Fahrt, auf der wir alte Freundinnen unser Gespräch vom Biergarten fortsetzten, eine nette Begegnung auf dem Weg zum Auto hatten und in Vorfreude auf eine kühle Abendmelone bei den Nachbarn meiner Freunde schwelgten. Dann der Blick zur Schulter, gefolgt vom Griff dahin, wo eigentlich immer meine Handtasche saß. Die Betonung liegt auf saß, denn egal, wohin ich an mir griff und schaute, es war keine Handtasche da. Es dauerte ein paar Sekunden, bis uns klar war, dass sie unter dem Sitz in der S-Bahn stehengeblieben war. In Berlin, der Stadt, der man, wenn man so vom Dorf kommt, alles zutraut, und in der dem Vernehmen nachts nicht funktioniert. Eine Einschätzung, die die Dörfler übrigens mit den Berlinern teilen.
In meiner Tasche befindet sich standardmäßig mein Portemonnaie, das anderen Menschen als Aktentasche dienen könnte, und neben meiner Reisekasse natürlich ALLE meine Karten und auch ein paar Karten meiner Familienmitglieder enthält (und ein volles Bonusheft vom Bäcker meines Vertrauens), mein Notizbuch, mein Schreibmäppchen mit dem Füller – ein Andenken an meine Oma -, Handcreme, Lippenstift, Tempos, Einkaufstasche – was man halt so braucht. Da ich auf Reisen war, befand sich in dem hellblauen Wildlederbeutel noch mein Reisetagebuch, meine Gleitsichtbrille (auf dem Kopf trug ich die Sonnenbrille), meine Zigaretten, mein Schlüsselbund (vom Briefkastenschlüssel über den Autoschlüssel bis zur Schließanlage des Büros), der Parkschein vom Parkhaus in Fulda, meine Reiselektüre, eine Bluse, die ich morgens, als es noch ein bisschen frischer war, anhatte, und eine rosa Strickjacke für einen kühlen Abend. Ein bisschen also mein ganzes Leben. Okay, mein halbes.
Noch am Nachmittag hatten wir uns anlässlich eines möglichen Vergessens der rosa Strickjacke im Café darüber unterhalten, ob Menschen diese oder andere vergessene Dinge einfach mitnehmen oder irgendwo abgeben würden, wo man sie wiederbekäme. Während in unserer kleinen Gruppe der Pessimismus um sich griff, verteidigte ich die gesamte Menschheit mit den Worten: „Die meisten Menschen sind nicht böse, nur weil das die lautesten und auffälligsten sind, sondern nett, aufmerksam und ehrlich. So wie wir.“ Da wusste ich noch nicht, dass ich bald die Probe aufs Exempel machen konnte.
Glücklicherweise baumelte mein Handy noch an der ansonsten verwaisten Schulter, sodass ich zügig meine Karten sperren konnte. Mit dem letzten Klick war ich mittellos. Zurück auf dem Bahnsteig stellten wir fest, dass unsere Bahn von der Endstation Frohnau sich wieder auf den Weg nach Wannsee, das andere Ende der Route, gemacht hatte. Der Putzmann wusste von nichts, der Schaffner der einfahrenden Bahn auch nicht, aber er telefonierte schon mal mit einer Fundstelle, die – zehn Minuten nach Verlust – natürlich noch nichts melden konnte. Die Kundenhotline der Berliner S-Bahn war bis 22 Uhr zu erreichen, zweimal probierte ich es dort noch und sprach mit einer sehr netten Dame, die leider kein Fundstück hatte, das zu meiner Beschreibung passte. „Morgen ab sieben Uhr können Sie es wieder probieren“, ermutigte sie mich, bevor wir uns als pflichtbewusste Bürgerinnen auf den Weg zur nächsten Polizeistation machten. Das hat man ja auch nicht auf jeder Berlinreise. Hier wurden wir überaus freundlich empfangen und so intensiv zu meinen Karten und Ausweisen befragt, dass ich meinen Mann auf dem heimischen Sofa zuschalten musste, der wiederum mit dem sympathischen Polizisten seine Meinung zur Gaußschen Normalverteilung von Dieben und ehrlichen Menschen in Berlin und im Vogelsberg austauschte. Die Berechnungen meines Mannes teilte die die Amtsperson nur zum Teil, denn die Frage, ob damit zu rechnen sei, dass die Tasche wieder auftaucht, beantwortete er mit einem „Wir sind halt in Berlin, wa.“ Es gab für uns jetzt nichts mehr zu tun.
Obwohl ich der Fraktion der wirklich hoffnungslosen Optimistinnen angehöre („Man kann auch in der letzten Minute noch drei Tore schießen.“), war die Stimmung nun doch etwas getrübt, aber es gab Rotwein, Zigaretten und Musik – und das alles im Haus meiner Freunde, in dem ich mich gesund und munter tummelte. Ich hätte ja auch in den S-Bahn-Schacht fallen können oder so. Schlimmer geht immer, und dann ist der Rest gar nicht so mehr so übel. Nach einem dann doch noch schönen Abend rief ich meiner Freundin vorm Schlafengehen zu: „Morgen hole ich dann erstmal meine Tasche aus dem Depot.“
Mein letzter Gedanke des Tages galt meinem treuen Wildlederbeutel und den vielen Habseligkeiten, die sich darin befanden – wo mochten die Sachen wohl die Nacht verbringen? Wer würde vielleicht mein Reisetagebuch lesen? Hatte jemand das Geld entnommen und meine Sachen irgendwo in den Müll geschmissen? Kein schöner Gedanke, doch krisenerprobt und mit einem guten Schlaf gesegnet, fiel ich in einen wohltuenden Schlummer und wachte um halb acht auf. Noch vom Bett aus rief ich als Erstes wieder bei den netten Menschen von der Fundstelle der Berliner S-Bahn an. Wieder sagte ich auf, was ich verloren hatte, und was sich unter anderem in der Tasche befand. Dann fragte mich der Mann am anderen Ende nach meinem Namen, und dann geschah das Wunder: „Ja, die Tasche ist da, die können Sie heute in Wannsee abholen.“ Obwohl ich am Abend vorm Schlafengehen ja noch fest damit gerechnet hatte, musste ich doch dreimal nachfragen, dass ich mich nicht verhört hatte, und machte mich nach dem Frühstück auf den Weg nach Wannsee, zwar ohne Badehose, aber von meinen Freunden ausgestattet mit einer Tasche, etwas Bargeld und Reiselektüre. Die Liedzeile „Und dann nischt wie raus nach Wannsee“ bekam an diesem Tag eine ganz eigene Bedeutung für mich. Und die ganze lange Fahrt vom Norden in den westlichen Süden fragte ich mich: Sollte es wirklich wahr sein? Sollte man wirklich in Berlin abends eine volle Tasche verlieren und sie am nächsten Morgen einfach so wieder abholen können?
Die Antwort lautet: Ja. In Wannsee am Bahnhof half mir ein netter Bahn-Mitarbeiter noch, das Büdchen des Kundendienstes der S-Bahn zu finden, und dort überreichte mir ein ebenso freundlicher Mensch meine Handtasche, die – warum auch immer – auf dem Fundschein als „Seesack“ beschrieben war. Und jetzt kommt’s: Alles war noch drin. Als ich mein Portemonnaie öffnete, fehlte allerdings das Bargeld – keine Überraschung eigentlich. Oder doch? „Das Bargeld müssen wir immer rausnehmen“, sagte der Mann und zählte mir aus einer Plastiktüte hundertvierzig Euro und ein paar Zerquetschte in die Hand. Finderlohn oder Trinkgeld nahm er nicht, und als ich mit meinem vollen Beutel – mit Portemonnaie, das anderen Menschen als Aktentasche dienen könnte und natürlich ALLE meine Karten und ein paar Karten meiner Familienmitglieder enthält (und ein volles Bonusheft vom Bäcker meines Vertrauens), mit Notizbuch, Schreibmäppchen mit dem Füller – ein Andenken an meine Oma-, Handcreme, Fisherman’s, Lippenstift, Tempos, Einkaufstasche, Zigaretten, mit Reisetagebuch, Gleitsichtbrille, Schlüsselbund, Reiselektüre, Parkschein, Bluse und rosa Strickjacke – auf dem Bahnsteig in Wannsee stand, da drückte ich ihn ganz fest und streichelte die hellblaue Wildlederhaut. „Schön, dass du wieder da bist“, flüsterte ich ihm zu. Gut, dass man sich in Berlin über Leute, die so etwas tun, nicht weiter wundert.
Am Abend auf der Gartenparty meiner Freunde war die Geschichte mit der Handtasche ein willkommenes Thema für Smalltalk aller Art. Jeder hatte schon etwas Ähnliches erlebt, das gut oder schlecht ausgegangen war. Die Pessimisten mussten ihre Bilanz der schlechten Erfahrungen auf jeden Fall anpassen, ich hatte ein wunderbares Thema für eine Glosse und ich habe wieder einmal gelernt, dass jedes System, und sei es noch so marode, von den Menschen lebt, die darin ihr Bestes tun, aufrichtig sind und zugewandt. So wie wir.
Und ganz ehrlich: Wenn eine verdient hat, ihre verlorene Tasche in Berlin wiederzubekommen, dann wohl eine, die ganz fest dran glaubt. Eine wie ich.