Töchter wie wir – Muttertag

„Willst du die Tochter, so schau dir zuerst die Mutter an.“ Als ich vor vielen Jahren – noch unverheiratet – auf dieses Sprichwort stieß, war ich mir nicht sicher, ob ich meinem Zukünftigen diese Idee unterbreiten sollte. Schließlich ist das Verhältnis von Frauen zu ihren Müttern ja nicht immer eitel Sonnenschein. Ich stellte mir umgehend die Frage, ob es erstrebenswert für mich wäre, diesen Gang zu erben, der so typisch für meine Familie mütterlicherseits ist. So ein langsames Schlurfen, leicht vorgebeugt. Wenn ich jemanden aus meiner Familie, gar aus meiner Generation, die bis vor kurzem noch die „Juchend“ war, so laufen sah und sehe, wie es meine Familie mütterlicherseits vermutlich schon seit Generationen tut, wird mir ganz warm ums Herz. Es hat so etwas Vertrautes, Heimatliches, allerdings: Ich will so nicht laufen – und wahrscheinlich tue ich es schon längst.

Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe an schlechten Tagen meinen Opa mütterlicherseits, an guten meine Mutter. Letztens kam ich zu spät zu einer Geburtstagsfeier in ein Lokal in meinem Heimatort, und alle verstummten, als ich eintrat, weil ich sie so sehr an meine verstorbene Mutter erinnerte. Sie war eine schöne Frau. Immer. Und ich weiß nicht, ob sie es wusste. So wenig wie ich mich besonders schön finde, vermutlich, besonders nicht an den Tagen, an denen ich wie mein Opa aussehe und mich auch so fühle. Doch meine Mutter hat mir nicht nur das Aussehen, den Gang und wenn wir schon dabei sind, auch den Hang zu Übergewicht und Herzproblemen vererbt, sondern auch gute Gene: Wir Rensch-Bernhardt-Frauen bekommen nur wenige graue Haare und auch nicht allzu viele Falten. Dafür bekommen wir unsere Kinder schnell. An die Geschichte, wie ich fast am Bahnübergang geboren wäre, weil ich „schon immer voreilig“ war, und die ich natürlich nur aus der Überlieferung kenne, erinnerte ich mich, als meine Hebamme 32 Jahre später im Kreißsaal meinen Mann heimschicken wollte, weil sie meinte, die nächsten zwölf Stunden täte sich nichts. Ich bat ihn dazubleiben, und schwupps, kaum zwei Stunden später war er Vater. Und ich Mutter.

Und dann begann etwas ganz Merkwürdiges: Während ich bis dahin immer ein wenig die Augen verdreht hatte, wenn meine Mutter meinte, ich würde zu selten anrufen („Na, meldest du dich auch wieder mal?“), wenn ich ihre vielen Fragen zu meinem Leben – insbesondere dem zwischen zwanzig und dreißig – zu übergriffig fand oder wenn mich ihre Kleidervorschriften auf die Palme brachten, setzte mit jeder Woche der Mutterschaft mehr und mehr Verständnis ein. Und je älter meine Kinder wurden, desto mehr begriff ich, dass das Nerven von Kindern gewissermaßen an oberster Stelle in der Stellenbeschreibung einer Mutter steht. Hätte ich das mal eher gewusst!

Doch damit war das mit den Merkwürdigkeiten nicht zu Ende: Je älter wir wurden, meine Mutter und ihre Tochter, desto anders wurde unsere Beziehung. Gleichberechtigter, zugewandter. Ich hatte schlagartig verstanden, dass alles, was Mütter wollen, ist, dass es ihren Kindern gutgeht – unter allen Umständen. Leider auch, wenn sie die Umstände gar nicht kennen, aber so ist das nun mal. Gut. Sie hätte mir nicht diesen Hang zur Überorganisation meiner Familie mitgeben müssen – die guten Haut- und Haargene hätten auch gereicht.

In der kurzen Phase zwischen meinem Auszug von zuhause und dem Gründen einer eigenen Familie machten wir kleine Reisen zusammen, und irgendwann dämmerte mir, dass meine Mutter schon vor meiner Geburt ein Leben geführt hatte. Als sie noch nur Tochter war. Eines, das ich nicht kenne und von dem sie ab und an erzählte. Heute bedauere ich, dass ich nicht mehr gefragt habe. Welche Träume hatte sie? Was hätte sie vielleicht lieber gemacht, als mit Mann und drei Kindern im Edeka-Laden zu stehen? Wieso fand sie nichts dabei, dass sie kein eigenes Geld verdiente? Warum wartete sie mit dem Aufblühen, bis mein Vater tot war? Und warum hörte sie eigentlich nie auf, es allen recht machen zu wollen? Und war ich ihr eigentlich wirklich immer zu forsch und zu laut oder fand sie es vielleicht auch ein kleines bisschen okay? Ich hoffe es.

Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, was ich als Tochter, als Frau von ihr gelernt habe: Sicher nicht meinen Hang zum Feminismus, der ihr völlig fremd war. Sicher nicht die Idee, überall mitreden zu wollen. Denn das kann ja auch innerhalb der Familie zu Unbehagen führen, wie wir wissen. Man glaubt es kaum, aber harmoniebedürftig bin ich auch. Habe ich das von ihr? Das immer noch, vermutlich vom ersten bis zum letzten Atemzug meiner Kinder vorhandene schlechte Gewissen, wenn ich vermeintlich nicht genüge, habe ich das von ihr? Die fast unendliche Gabe, Liebe zu geben, habe ich das von ihr?

Fragen über Fragen, und dass wir Töchter sie häufig an unsere Mütter und gar nicht so oft an unsere Väter stellen, liegt vielleicht daran, dass wir uns nicht nur als Mutter und Kind nahe sind, sondern auch als Frauen. Wenn auch mit einem besonderen Verhältnis. Ein Verhältnis, das sich verändert. Vom Kind wird man – wenn auch nur kurzzeitig – zur Rebellin und manchmal selbst zur Mutter, auf jeden Fall zur erwachsenen Frau. Und mit der Zeit wird man zur Ansprechperson für die alte Mutter in vielen Lebenslagen, ob man will oder nicht. Weil man – bis man selbst die alte Mutter ist – ein wenig besser weiß, wie der Hase läuft. Weil man dankbar ist und sich verantwortlich fühlt. Oder verpflichtet. Bestenfalls, weil man Liebe erfahren hat und sie geben kann. Weil es vielleicht genau das ist, was am Ende zählt.