My Bonnie was over the Ocean

… vor wenigen Tagen ist er zurückgekommen. Und während er so auf einer zweiwöchigen Männertour auf den Spuren der MacLeods oder Gregors wandelte und dabei auch vor Haggis (schottische Spezialität, bestehend aus dem Magen eines Schafes, der mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett vom Schaf, Hafermehl, Zwiebeln und manchmal auch Graupen gefüllt wird) nicht zurückschreckte (wobei ich zuhause nicht mal Leber anbieten darf), begab es sich, dass es in meinem Lieblingspodcast „Frauenstimmen“ um die romantische Liebe ging – aber ganz anders, als man vielleicht denken würde. Während ich meinem Mann noch Smileys mit Herzchenaugen, große rote Herzen und den Smiley „Kusszuwerfendes Gesicht“ unter seine Bilder von Highlands, Lochs und Schafherden pinnte – was durchaus als Höhepunkt meiner romantischen Anwandlungen verstanden werden kann -, entlarvte die Autorin, Podcasterin und Kulturwissenschaftlerin Beatrice Frasl die romantische Liebe als die vielleicht größte Illusion unserer Zeit. To put it all in a nutshell, wie der Schotte vielleicht sagen würde, ging es darum, dass unter dem Deckmantel der romantischen Liebe Frauen seit Jahrhunderten mit Care-Arbeit aller Art beschäftigt werden, unbezahlt natürlich, weil Sichkümmern ja so romantisch ist. Die Autorin berichtete von Frauen, die glaubten, keine Reha antreten zu können, weil ihr Mann sonst zuhause nicht zurechtkäme. Sie sprach von gesunden Männern, denen ihre Frauen die Fähigkeit absprechen, für sich selbst zu sorgen. So essens- und wäschetechnisch und organisatorisch natürlich. Das Schlimme: wahrscheinlich zu Recht.

Ich dachte daran, wie ich kurz vor der zweiwöchigen Männerreise zu einem viertägigen Frauenwochenende aufgebrochen war: Der Kühlschrank war voll, die Wäsche war gemacht. Im Frost befand sich eine schöne Auswahl an Fertigpizzen, alle wichtigen Termine standen mit Ort, Uhrzeit und weiteren Infos zusätzlich zum Outlook-Kalender mit dickem Edding geschrieben auf einem Blatt – es konnte nichts mehr schiefgehen. Unterwegs erhielt ich lediglich einen Anruf, mit der Frage, wenn wir noch Brot zum Aufbacken hätten, wo das wohl sei, und es dämmerte mir, dass ich es mit der Bemutterung vielleicht doch übertrieben hatte die letzten dreißig Jahre. Gleichzeitig musste ich an die Astronautin Christina Koch denken, deren Mann sie wohl regelmäßig im Weltraum anruft und nach Dingen fragt, die er im gemeinsamen Haushalt nicht findet. (Kleiner Exkurs: Bei meinen Recherchen überlegte ich, ob die Raumfahrt noch bemannt ist, wenn eine Frau an Bord ist, aber das nur am Rande.) Als ich nach meiner langen Abwesenheit – nicht aus dem Weltraum, sondern aus Weimar – zurückkam, stellte ich fest, dass im Kühlschrank nichts Nennenswertes fehlte, und ich fürchtete kurz, dass meine drei männlichen Mitbewohner aus lauter Verzweiflung über meine Abwesenheit in den Hungerstreik getreten waren. Das waren sie nicht: Sie hatten sich einfach einen Stock tiefer im Hotel Oma durchgefressen – genauso gut und verlässlicher als das Hotel Mama und Ehefrau. Neben dem Hotel Oma wären unser Lieblingsitaliener und der nächste Wurstomat für ein Männergrillen auch noch Optionen gewesen – wie auch immer: Sie waren nicht verhungert oder verloddert. Ich atmete auf.

Und nun also machte sich mein Mann auf die Socken – und was soll ich sagen: Auch er hatte große Vorbereitungen zu treffen: Er checkte die Heizung und machte alles an Fahrzeugen flott, was unser Fuhrpark aufzuweisen hat – einschließlich Fahrräder und Rollatoren. Er stellte sicher, dass ich die Müll-App auf dem Handy aktiviert habe, und er machte MEHRFACH (und auch das zu Recht) auf den Termin zum Wechseln der Wasseruhr aufmerksam. Ich hoffte inständig, dass der Mensch vom Amt wusste, wo sie sich befindet, denn ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt nicht, und war froh, dass mein Mann den Weg zu ihr im Keller schon mal freigemacht hatte. Mir wurde klar, dass, wenn ich mich manchmal frage, ob mein Mann im selben Haushalt lebt wie ich, die Frage umgekehrt auch angebracht ist. Ich lebe hinsichtlich vieler kleiner und großer Annehmlichkeiten, um die ich mich einfach nicht kümmern muss, dank meines Mannes auf der Insel der Glückseligkeit. Und er auch. Hoffentlich auf derselben. Auf jeden Fall gab er mir kurz vor der Abreise noch die Handynummer eines jungen Mannes, den ich im Fall eines Falles anrufen könnte. Oh, dachte ich errötend (Romantik on!), er denkt an alles. Es war die Nummer unseres Heizungsmannes.

Wer noch auf der Insel der Glückseligkeit lebt, ist natürlich unser Hund. Für ihn hatte das Herrchen noch vor der Abreise jede Menge Futter besorgt, und sollte es doch einmal alle werden, dann „nimmst du immer irgendwas mit Geflügel und Kartoffeln. Das mag sie am liebsten.“ Aus dem schönen Schottland erreichten mich dann regelmäßig nicht nur die sehnsüchtigsten Landschaftsfotos, sondern auch die Erinnerungen an die Mülltermine, die Info, dass das Badezimmerfenster noch auf sei und natürlich auch, ob das Auto abgeschlossen ist oder nicht. „Tanken musst du auch mal.“

Und so lebten wir alle doch recht glücklich und zufrieden, bis my Bonnie endlich wieder over the Ocean zurückkam. Alle? Nein. Einer litt. Es war der Rasenrobby. Er fuhr sich aus lauter Bockigkeit und Kummer jeden Tag in einem anderen Loch fest. Vorzugsweise am anderen Ende unseres Grundstücks; mein Schrittzähler freute sich. Mehrmals täglich versuchte ich ihn zu retten und ihn dazu zu bewegen, in sein Ladehäuschen zurückzukehren. Aber er wollte nicht. Bis zur Rückkehr saß er im Garten und wartete. Am letzten Tag hatte ich den Eindruck, dass er, wenn er gekonnt hätte, sein eingegrenztes Rasenareal verlassen und dem Menschen seiner Begierde auf dem Hofpflaster entgegengerollt wäre. Und da wurde mir klar, wer der echte Romantiker in der Familie ist. Und dass wir in dieser Hinsicht von den Maschinen noch einiges zu erwarten haben. Romantik on!