Deutsche Pflaume

Karibische Mango, Griechische Aprikose, Persischer Granatapfel, Italienische Limone – die Auswahl an Tees mit Sehnsuchtsfaktor ist riesig und ich bin dafür maximal anfällig. Ich meine „Japanisches Kirschenblütenfest“ klingt einfach viel geiler als Früchtetee aus Sauerkirschen, oder? Dieser Idee schloss sich auch eine Supermarktkette an und dort kaufe ich leckere Marmeladen wie Feige aus Marokko, Kanadische Heidelbeere, Orange aus Sevilla – läuft euch da nicht das Wasser im Munde zusammen? Call me crazy, wie meine eine Freundin immer so treffend sagt, aber ich falle da voll drauf rein und schwelge beim Frühstück schon in einem ganz besonderen Flair aus Weltoffenheit und Genuss. Man könnte bei uns – jetzt nur mal theoretisch – einen Werbefilm drehen. Und da die weite Welt für uns Germans so einen verlockenden Charakter hat und wir uns ja auch immer so ein bisschen schämen, wenn wir das Deutsche so hypen, war ich einigermaßen überrascht, im Marmeladensortiment eine deutsche Variante zu finden, die – wen wundert’s – nicht die Bohne glamourös war: „Deutsche Pflaume mit Zimt“. Nicht, dass ich Pflaume mit Zimt nicht mag, und eigentlich fand ich es auch nur gerecht, dass sich zu diesen ganzen Köstlichkeiten mal was aus Deutschland hinzugesellt, aber Pflaume, echt jetzt? War das ernstgemeint oder Satire? Ich meine, Pflaume! Pflaume ist ja nicht nur das Synonym für Versager aller Art, es hört sich einfach auch total unsexy an. „Deutsche Pflaume“ hat Potenzial, sich in so schöne Begriffe einzureihen wie „Deutscher Schäferhund“, „Deutsches Reinheitsgebot“ oder „Deutsche Wertarbeit“. Von „Deutsche Bahn“ möchte ich an dieser Stelle schweigen.

Stellt sich natürlich die Frage, warum ist Deutschland so öd? Oder anders gefragt, warum sind andere Länder einfach immer glamouröser als wir? Das fängt beim „Deutschen Institut für Normung an“ und hört bei unseren Politikern auf. Ich meine, schaut euch doch mal an, welche Regierungschefs und -chefinnen über die Jahre so in unseren Nachbarländern und darüber hinaus regieren oder regiert haben: Barack Obama (USA). Er gilt als zeitlos attraktiv, während sein einstiger Kollege Justin Trudeau (Kanada) gar als „Posterboy“ bezeichnet wurde, der mit seiner Mischung aus gutem Aussehen, Lockerheit und Charisma inzwischen ja auch Katy Perry an der Angel hat. Emmanuel Macron (Frankreich) bringt klassischen französischen Flair mit, Jacinda Ahern (Neuseeland) punktet schon allein durch ihre Authentizität und Präsenz. Sanna Marin (Finnland) ist extrem stilbewusst und wird international als „fashion- forward“ wahrgenommen. Und die Holländer, die ja ohnehin schon das Glück gepachtet haben, haben nun auch noch Rob Jetten!

Und wir so: Wenn wir unsere Regierungschefs von Kohl bis März vor unserem inneren Auge flanieren lassen, ist das sexyste, was wir zu bieten haben, Gerhard Schröder in Armani und Angela Merkel mit dem Monster-Ausschnitt in Bayreuth. In dieser Hinsicht kann man zwar von den Grünen halten, was man will, aber Annalena Baerbock und Robert Habeck hätten uns optisch gutgetan. Sei’s drum. Immerhin haben wir jetzt Julia Klöckner und Jörg Pilawa als deutsches Glamourpaar – ich würde sagen, mit ihnen haben wir uns auf Aufholjagd auf dem Weg zur Glamourspitze begeben – wenn auch langsam.

Geht man davon aus, dass Marmelade glücklich macht, dann sind wir Deutschen mit unserer Pflaume ebenfalls eher im Mittelfeld angesiedelt, kein Wunder also, dass wir für Glück auch nicht so schöne Wörter haben wie der Rest der Welt: Die Norweger haben so eine lautmalerische Erfindung wie „Friluftsliv“ – das steht für „Raus in den Schnee, atmen, wandern, in der Wildnis grillen“. Würde bei uns auch gehen. Schweden hat „Lagom“, was für das rechte Maß im Leben steht. Das soll dauerhaft glücklich machen, sieht allerdings nur drei Tassen Kaffee am Tag vor. Irgendwas ist halt immer. Und das französische „Savoir vivre“, die Kunst, das Leben zu genießen, ist einfach nicht jedem gegeben. Der ultimative, inzwischen vermutlich globale Glücksbegriff kommt aus Dänemark: Hygge, hyggelig – die Wort gewordene Kuscheligkeit in Naturfarbtönen, Gräsern in einem weißen Väschen, dezenter Töpferware und einer dicken Decke. Ach ja.

Unser Glück, also das Glück der Deutschen, ist das Gegenteil von Chaos, sagt die Journalistin Christine Dohler. Wir sind glücklich, wenn die Müllabfuhr kommt und alles geregelt ist. Bezogen auf eine Schriftart und -größe wäre unser Glück Arial 12 fürs Leben. Nix Comic oder Curlz oder so. Und darum importieren wir das Glück, wo wir können, besonders gern bei Ikea oder Rewe: Scandi-Chic für die Wohnung, Lemon Curd und Kanadische Heidelbeere auf den Frühstückstisch. Doch ganz ehrlich: Deutsche Pflaume hat Potenzial! Nicht nur mit Zimt (einem wunderbaren Gewürzimport, beispielsweise aus Sri Lanka), sondern als gute alte Latwerche*, wie wir sie zuhause hatten. Auf Kümmelbrot. Und wer braucht schon Glamour, wenn er genau das hat: Deutsche Pflaume auf Bauernbrot. Ich denke, da kommt der Rest ganz von selbst!

Wissenszuwachs!

* Latwerche (oder Latwerge) ist ein regionaler, besonders im süddeutschen und hessischen Raum gebräuchlicher Begriff für ein sehr dick eingekochtes Pflaumenmus oder Zwetschgenmus.