Wer jetzt nicht feiert, feiert lange nicht
Kaum ist Weihnachten vorbei, wird eine dringliche Frage virulent, die zwar schon seit Mitte November in den Köpfen spukt, jedoch stets von den noch dringenderen Fragen rund um das Weihnachtsfest auf ihren scheinbar unbedeutenden Platz im Nebenraum verwiesen wird. Fakt ist aber: Wer sich erst nach Weihnachten, und sei es auch schon am 25. Dezember, darum kümmert, der läuft Gefahr, am Silvestertag allein daheim zu sitzen. Ohne Gäste oder – was noch viel schlimmer wäre – ohne selbst irgendwo zu Gast zu sein. Wer jetzt keinen Plan hat, dem gnade der Heilige Silvester, der, nun ja, zumindest der Schutzheilige der Haustiere ist. Was diese wiederum vermutlich eher unverständlich finden: Wer jemals gesehen hat, wie ein 45-Kilo-Hund sich in eine Ecke mit der Grundfläche eines Din-A-4-Blattes zwängt und am Morgen wieder daraus hervorkommt wie eine Matratze von Bett1 (das sind diese Matratzen, die in einem kleinen Karton geliefert werden und die dann erst beim Auspacken und Verlauf von Tagen zu ihrer wahren Größe, beispielsweise von 1,40 mal 2 Meter finden), der weiß, dass der Schutzheilige hier (wieder mal) versagt hat.
Fragt sich zunächst natürlich, warum wir überhaupt Silvester feiern (und nicht Richard oder Helga): Am 31.12. starb ein Papst dieses Namens. Und da der letzte Tag des Jahres schon viel früher, beispielsweise bei den Römern gefeiert wurde, um böse Geister zu vertreiben und das neue Jahr zu begrüßen, hieß es fortan Silvester feiern. Unsere französischen Nachbarn feiern wenigstens noch Saint-Sylvestre, aber sei’s drum. Die bösen Geister konnte man natürlich nicht mit Wellness und Achtsamkeit vertreiben: Da musste man sich schon ein bisschen ins Zeug legen: Die Germanen zum Beispiel veranstalteten Feuerzeremonien und machten richtig Krach. Daher weht der Wind!
Man hat, sieht man sich die Entwicklungen der letzten Jahre an, nicht unbedingt den Eindruck, dass das mit dem Geistervertreiben etwas nützen würde – im Gegenteil. Nach jedem Jahr blicken wir entsetzter zurück und sehen Fratzen in Nah und Fern, die wir in uns so in unseren schlimmsten Alpträumen nicht vorgestellt hätten. So viel böllern – also friedlich böllern – kann man gar nicht, dass man die vertreibt, eher hat man den Eindruck, man hat sie herbeigefeiert. Insofern ist das mit dem Böllerverbot gar nicht schlecht. Und mehr Geld für andere Sachen hätte man auch, wenn man es nicht in der ersten Stunde des neuen Jahres in die Luft jagen würde: Hundertachtzig Millionen Euro gaben die Deutschen 2023 an Silvester allein für Feuerwerkskörper aus. Da ist noch kein Essen und Trinken dabei, kein Eintritt zu wie auch immer gearteten Partys oder Empfängen, nichts für die besondere Deko, das Paillettenkleid und die neuen Fingernägel. Schließlich will man das neue Jahr mit der besten Version seiner selbst begrüßen. Apropos begrüßen: Ich kenne eine Person, die es hasst, an Silvester auf irgendwelchen Großveranstaltungen allen die Hand zu geben, oder auf mittelgroßen Veranstaltungen bei Freunden allen um den Hals zu fallen, denen man sonst beim Bäcker mit Ach und Krach guten Morgen sagt. Ich bin’s nicht, aber so kann man’s auch sehen: Man muss ja an Silvester nicht überschwänglicher sein als sonst. Eigentlich ist es ja nur der Wechsel von einem Tag zum anderen.
Und doch gibt es diesen Partyzwang. Und damit ist es ja so eine Sache, um nicht zu sagen, das reinste Glücksspiel: Wenn man zu lange wartet, ob man vielleicht irgendwo eingeladen wird, kann es passieren, dass man eben nicht eingeladen wird. Dann sitzt man am Ende mit dem Ehemann allein zuhause bei „Dinner for One“ und möchte sich am liebsten vor sich selbst verstecken, weil es so peinlich ist. Es sei denn, man hat genug Wein. Da ich ganz eindeutig der Fraktion „Wein statt Böller“ angehöre, sollte das schon mal kein Problem sein. Es ist halt auch einfach so, dass es für Silvester eben nicht dieses „Same-Procedure-Ding“ gibt wie an Weihnachten. Außer man ist Miss Sophie und James. An Silvester ist vieles möglich. Wenn man dann andererseits zu offensiv fragt, was das Gegenüber zum Jahreswechsel so macht, und dieser Mensch auch noch keinen Plan hat, hat man gute Chancen, keine dreißig Sekunden nach der Frage Gastgeberin geworden zu sein, die natürlich nicht Nein sagt, wenn die in einem unaufmerksamen Moment eingeladenen Gäste fragen, ob sie noch jemanden mitbringen dürfen. Dabei hätte es in dieser kurzen Spanne einen Moment gegeben, in dem alles offen war und an deren Ende die Situation genau hätte anders sein können: Ich Gast, du Gastgeber. Das hat natürlich nicht nur für den Abend ungeahnte Konsequenzen, sondern auch für den ersten Tag im neuen Jahr: Während man als Gast irgendwann das Schlachtfeld verlässt und bestenfalls im Lauf des Tages seine hoffentlich schon von Resten befreiten und gespülten Schüsseln abholt, nachdem man schön ausgeschlafen und gemütlich gefrühstückt hat, ist das Neujahrserwachen als Gastgeber ein anderes – man könnte sagen, es nimmt den Realismus der nächsten zwölf Monate vorweg und macht mit dem Chaos im Wohnzimmer, in der Küche und auf dem Balkon erst gar keine Anstalten, uns vorzugaukeln, das neue Jahr könnte irgendwie glamouröser werden als das alte.
Dabei ist doch gerade das die Magie an Silvester, oder? Die Idee, dass ab morgen vielleicht doch alles anders, und wenn schon anders, dann natürlich besser werden könnte. Die Welt im Allgemeinen und man selbst im Besonderen.
So: Und wie feiert ihr so? Ich kann euch beruhigen: Es gibt keinen Partyzwang – alles, was wir glauben, tun zu müssen oder zu wollen, kommt aus uns selbst! Omm! Und jetzt los – lasst uns die Sektvorräte überprüfen, die Silvesterparty-Whatsapp-Gruppen der letzten Jahre durchsehen und uns den Tatsachen stellen: Bevor gar nichts ist, dann doch bei uns.