Ponyhof
„So, ich mache es dir jetzt Französisch.“ Die Person, die das zu mir sagte, war absolut seriös; es war die Friseurin meines Vertrauens, und sie war es wohl leid, dass ich die letzten Male weder mit meiner Frisur („Alles hängt so platt darum“) noch mit meiner Farbe („Laaangweilig!“) zufrieden war. Sie weiß wohl, dass ich frankophil veranlagt bin und diesen Vorschlag, der eigentlich schon eine Feststellung war, nur schwer ablehnen konnte. Allerdings: Es handelte sich bei der französischen Idee nicht nur um eine dunklere Farbnuance, sondern auch um einen Pony. Einen Pony!
Einen Pony hatte ich zuletzt mit zwölf Jahren getragen, und zwar seit ich überhaupt Haare hatte. Am Anfang wuchsen sie wohl einfach so (Vermutlich heißt die Frisur deshalb Baby Bangs, wie ich im Laufe meiner Recherche erfahren habe.), und dann erledigte dies ein Fachmann: In das Dorf meiner Kindheit kam einmal im Monat ein Herrenfriseur, der sein fantasieloses Lager in der Dorfwirtschaft aufschlug und allen Männern und Kindern die Haare schnitt. Für die Jungs und die Männer war’s okay, vermute ich, für uns Mädchen bis zur Pubertät wahrscheinlich auch. Die Frauen hatten’s besser; sie wurden von ihren Männern zur Dauerwelle in den Nachbarort gefahren. Diese Praxis führte dazu, dass alle Kinder in Heubach dieselbe Frisur hatten (obwohl dort noch nie jemand etwas von unisex gehört hatte), und da der Schnitt halten musste, bis der Friseur wieder ins Land kam, oder noch länger, weil man aus finanziellen Gründen aussetzen musste, war der Pony anfangs stets sehr kurz. Als wir älter wurden und wir Mädchen uns die Haare wachsen ließen, blieb die Ponylinie wie mit dem Lineal gezogen Linie auf der Stirn. „Wie die Mirelle Mattjöh“, sagte meine Oma immer ganz beseelt, aber ich wollte aussehen wie Anna-Frid von Abba oder wenigstens wie Juliane Werding. Als ich zwölf war, machte ich meinen Eltern klar, dass ich keinen Pony mehr haben wollte, sondern einen Mittelscheitel. Leider war bei ihnen mit keinerlei Einsicht zu rechnen, sodass ich zum geplanten Friseurtermin den Schulbus an mir vorbeifahren ließ und mich bei einer Freundin fernab des Herrenfriseurs einnistete. Ich hatte es angekündigt, doch es herrschte – natürlich – heller Aufruhr, als ich nicht wie gewohnt am heimischen Mittagstisch saß.
Dieser kleinen Revolution folgten noch einige, doch von diesem Tag an durfte ich die Haare tragen, wie ich wollte, und hatte es bald zu einem schönen Mittelscheitel gebracht. Seitdem hatte ich viele Haarfarben und Frisuren – der Pony, mein Frisur gewordenes Kindheitstrauma – war nie wieder dabei. Bis zu diesem Tag, als meine Friseurin Hand anlegte und meine Stirn fast fünfzig Jahre später wieder zu einem Ponyhof wurde. Die Kritiken waren einhellig positiv – und ich fühlte mich wohl. Seit wenigen Tagen weiß ich auch warum, denn: Der Pony ist in aller Munde. Er ist DIE Frisur der Saison und die Frauen, die ihn tragen, sind nichts weniger als Revolutionärinnen! So ändern sich die Zeiten!
Frisuren, insbesondere Frauenhaarschnitten, wurde ja schon immer eine besondere Magie nachgesagt: Wenn wir uns verändern wollten, aber nicht recht wüssten, wie, würden wir zum Friseur gehen. Ich denke ja, dass es in dem Fall mehr um das Gesprächsangebot geht und die Frisur Nebensache ist. Fakt ist: Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Friseurin, die auch Lebensberatung macht, und einem Psychotherapeuten, der auch Haare schneidet, würde ich die Friseurin wählen. Aber das nur am Rande. Jedenfalls waren Frisuren schon immer Statements, sei es in den Zwanzigerjahren, als die Haare der Frauen erstmals kurz wurden, oder in den Siebzigerjahren, als die Hippies – auch die Männer – lange Mähnen trugen. Und jetzt wieder der Pony: Das Magazin „InStyle“ behauptet, die Pony-Frisur sei ein Zeichen der Rebellion und zelebriere den persönlichen Selbstausdruck. Tatsächlich heißt der augenbrauenfreie Schnitt „Baby Bangs“, und er, so sagt man zumindest, werde niemals Mainstream. (Kleiner Exkurs: Als ich das Wort „Baby Bangs“ zum ersten Mal las, war ich leicht irritiert, denn „Bang“ kannte ich bisher nur in einem anderen Zusammenhang, nämlich als abfälliges Wort für den Liebesakt. So hat „Pony“ also auch im Englischen ein Teekesselchen, wenn auch nicht aus dem Tierreich – man lernt halt nie aus.) „Gleichzeitig trifft dieser Trend den Zeitgeist auf den Punkt, denn sowohl in der Mode als auch in der Beauty wird das Thema Selbstausdruck, Identität und Individualismus wieder wichtiger. Baby Bangs sind dabei eine tolle Wahl, denn diese fallen auf, heben die persönlichen Züge gekonnt hervor und setzen ein edgy Statement, das ein wenig rebellisch und immer einzigartig anmutet.“, heißt es in dem Fachmagazin. Da fragt sich die einfältige Ponyträgerin Ü-fünfzig natürlich a) ist es nun Mainstream oder Individualität und b) was ist edgy? So kommt man vom Hundertsten ins Tausendste und ist froh, wenn der Blick ungetrübt ist von herumhängenden Haaren, übrigens „curtain bangs“ genannt.
Wie dem auch sei: Solltet ihr, liebe Leserinnen, über eine neue Frisur nachdenken, empfehle ich euch einen Pony: „Baby Bangs haben einen überraschend schmeichelhaften Effekt für unser Gesicht, denn sie lassen ihre Trägerin automatisch jünger aussehen.“ Ich nehme an, das hattet ihr schon gemerkt, oder? Und wer es immer noch verstanden hat: „Baby Bangs sind die Favoriten der Cool Girls.“ Noch Fragen?
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https://www.instyle.de/beauty/haare-frisuren/haare-so-traegt-ist-selbstsicher, 14.2.2026
„Edgy“ bezeichnet im modernen Sprachgebrauch einen Style, eine Person oder Inhalte, die provokant, unkonventionell, cool und leicht rebellisch wirken. Es handelt sich um einen bewussten Bruch mit Normen, der oft düster, kantig oder exzentrisch ist, um Individualität zu zeigen. Wörtlich aus dem Englischen bedeutet es „scharfkantig“ oder „nervös“, im Slang ist es jedoch positiv für „außergewöhnlich“ besetz