Neujahr ohne Kater

Also, ganz ehrlich: Mit einem Kater am Neujahrsmorgen aufzuwachen ist viel schöner als ohne. Das musste ich in diesem Jahr feststellen, nachdem wir nach einem sehr ruhigen Jahreswechsel (Highlight: Sauna bis kurz vor Mitternacht und Sekt mit den Gästen meiner Schwiegermutter) fröhlich erwachten und nach kurzem Blinzeln eine relativ aufgeräumte Wohnung erblickten. Zuvor hatte ich den Neujahrsmorgen mit meiner Lieblingsbeschäftigung begrüßt: Lesen mit Kaffee im Bett. So weit, so gut. Doch schon beim Frühstück wurde ich kribbelig. Während wir sonst so auf die ganzen kleinen und großen Überbleibsel eines langen Abends und einer zwangsläufig kurzen Nacht – schließlich muss der Hund irgendwann raus – blicken und mit erster Kraft die leeren Wein- und Sektgläser vor der Kaffeemaschine wegschieben, lauerten nach einem entspannten Frühstück die Fallstricke des neuen Jahres. Ach, wie schön wäre es jetzt gewesen, einfach so dazusitzen, wort- und gedankenlos vor sich hinzustarren und sich noch ganz langsam einen Kaffee zu nehmen, bevor man sich mit dem noch sehr verhaltenen Elan des neuen Jahres dem Unvermeidlichen widmet, nur um gleich wieder zum Wasser oder zum Kaffee zu greifen, damit man sich vom Vorabend, der Nacht und dem Neujahrsmorgen erholen kann. Was jetzt nicht gemacht werden muss, kann auch bis morgen warten – es liegt ja noch ein ganzes Jahr vor uns. Und den ersten Tag nach Silvester, den muss man einfach nur überstehen.

Nicht so, wenn man völlig unbeeinträchtigt das Licht des neuen Jahres erblickt. Alles, was vom Abend noch herumsteht, ruft förmlich danach, weggeräumt zu werden, und mehr als das. Es will auch gespült und verstaut werden, und obwohl es doch vergleichsweise wenig ist, erscheint es viel wichtiger als die vielen Gläser, Flaschen und Reste im Nebel eines Neujahrskaters, den man mit ein paar Glückskeksresten leicht besänftigen kann.

Nachdem also die moderaten Festrückstände ordnungsgemäß ihrer neuen Bestimmung zugeführt worden waren – selbst das Altglas wurde am ersten Tag des neuen Jahres direkt rausgebracht und nicht noch lange auf der Anrichte zwischengelagert -, hätte man nun ja auch chillen können. Doch die Klarheit des Geistes verlangte nach Klarheit des Tages: „Es ist Quartalsbeginn, du musst deine Umsatzsteuer fertigmachen“, raunte mir das Pflichtbewusstsein zu. „Und zuvor könntest du die Geburtstagslisten umschreiben, die Kalender aktualisieren, die Bücherabrechnungen vom letzten Jahr nachholen, die Zeitungsbeiträge der Veranstaltungen zum Jahreswechsel schreiben, die Ordner im Computer und unterm Schreibtisch sortieren, die Datensicherung nachholen, die nicht abgearbeiteten ToDo’s in die die neue Liste übertragen und natürlich gute Vorsätze fassen.“

So kann’s gehen, am Neujahrstag ohne Kater, wenn man nicht grundlos vom Frühstück auf die Couch kann. Da muss man aufpassen, dass man nicht ganz schnell am Schreibtisch sitzt oder das Gästezimmer aufräumt, das im Lauf des zurückliegenden Jahres mangels Gäste zu einem Zwischenlager für alles geworden ist. Ein Phänomen, über das ich an anderer Stelle schreiben werde. Auf jeden Fall gibt es selbst bei ungenauem Hinsehen noch genug Dinge, die man im ganzen Weihnachtstaumel erstaunlicherweise doch nicht mehr geschafft hat und die im neuen Jahr vor einem liegen, wie felsgewordene Mahnmale der eigenen Unzulänglichkeit.

Wie schön wäre es also, mit dem gnädigen Blick eines gepflegten Neujahrskaters all das weichzuzeichnen, was einem schon kurz nach dem Aufstehen auf den Boden der Realität zerrt. Wie schön wäre es, sich einfach den Weg zur Kaffeemaschine freizumachen und dann wieder unterzutauchen. Was jetzt nicht weg ist, ist auch morgen noch da. Ommm.

Und dann kam mir zwischen dem vierten und fünften Schreibtischkaffee, den Kontoauszügen und der Kassenabrechnung die Erleuchtung – und vielleicht auch das Grundrauschen für das neue Jahr: Es muss nicht immer alles gleich gemacht werden. Der nächste Tag will auch noch was haben. Und der übernächste. Man kann und darf und soll an einem Sonntag- oder Feiertagsmorgen (und warum eigentlich nicht an einem Werktagsmorgen?) grundlos vom Frühstück auf die Couch wechseln, vorausgesetzt natürlich, man müllt sich nicht komplett zu. An was erinnerte mich dieser letzte Satz nur? Richtig! An mein Büro und unser Gästezimmer. Und den Keller und den Dachboden. Mit fiel es wie Schuppen von den Augen, dass mich genau diese Haltung schon über das letzte, vorletzte und die anderen Jahre gerettet hatte. Mit oder ohne Kater. Da bin ich aber froh. Denn manchmal tut es einfach auch ein Ingwertee.

Happy new Year!

(Bild: Karolina Grabowska/Unsplash)