Frauen 2026

Wir steigen wie jedes Jahr ein mit der legendären Quizfrage der noch legendäreren männerfeindlichen Frauengruppe Hofgeismar, die einst Jörg Bombach für seine morgendliche Radiosendung erfunden hat. Über irgendetwas wollen wir schließlich auch lachen.

Wie viel Geld ist ein Mann rein materiell gesehen wert? 3,85! Zwei Überraschungseier und ein Kümmerling! Als ich die Zahl jetzt mal nachrecherchierte, stellte ich fest, dass sich da preislich die letzten Jahre nicht allzu viel getan hat; das können sich, würde ich sagen, sogar Frauen leisten, die es sich aufgrund der schlechten Betreuungssituation von Kindern und zu pflegenden Alten sowie der fehlenden Arbeitsanreize aufgrund des Ehegattensplittings in ihrer Lifestyle-Teilzeit gutgehen lassen und dadurch auch nicht wesentlich zur Verringerung des Gender Pay Gap beitragen. Aber wenn der Alkohol und der Schnuggel so günstig sind, worüber wollen wir uns dann eigentlich beklagen?

Über alles Mögliche natürlich, denn die Welt wird für uns Frauen nicht besser. Stellt sich nur die Frage, wohin wir zuerst schauen wollen; lernen wir doch allen Ortes, dass es wichtig ist, sich zu fokussieren.

Gender Pay Gap

Fangen wir bei den Standards zur Frauenlesung an. Der Gender Pay Gap liegt inzwischen bei 16 Prozent. Es tut sich was – aber natürlich nicht genug. Letzten Freitag, also just am 27. Februar, dem diesjährigen Equal Pay Day, habe ich diesen Satz geschrieben und freudig festgestellt, dass wir Frauen nur noch zwei Monate kostenlos arbeiten, wenn man unsere Gehälter mit denen der Männer vergleicht. Ist das nicht toll? Ich persönlich komme damit meinem Ziel, zur Frauentagslesung 2057, also kurz nach meinem 90. Geburtstag, das Ende des Gender Pay Gap zu verkünden, deutlich näher.

Allerdings nur, wenn wir die Rolle Rückwärts aufhalten, in der wir uns gerade befinden und wenn nicht anfangen, unsere unbezahlte Care Arbeit in den Gender Pay Gap einzurechnen. Was durchaus gerechtfertigt wäre, denn, um es mal mit den Worten der Journalistin Teresa Bücker zu sagen: „Arbeit ist alles, was unverzichtbar ist, um eine Gesellschaft, wie wir sie uns wünschen, am Laufen zu halten.“ Merkste selbst jetzt, oder? Wenn nicht, dann bist du vielleicht ein Mann, und dann zähle ich dir gerne nochmal auf, was das ist: Sich um Angehörige kümmern, die Hilfe brauchen, sich sozial engagieren, z.B. in so schönen Gremien auf kleinen Stühlen wie dem Schulelternbeirat, Kinder versorgen, Kinder betreuen, den Haushalt erledigen, Fahrdienste übernehmen, Arzttermine organisieren und begleiten, psychosoziale Beratung, Hausaufgabenbetreuung und alles, was ich jetzt nicht aufgezählt habe. Nicht alles ist gleichermaßen gesellschaftlich relevant, aber wenn wir Frauen, wir Omas, wir Mütter und wir Töchter das nicht zum allergrößten Teil übernehmen würden, würde die Welt bei uns ziemlich stillstehen. Apropos stillstehen: Am 9. März, also am kommenden Montag, soll die Arbeit ruhen – zumindest die der Frauen. In Deutschland und weltweit ist ein großer Frauenstreik geplant – in Anlehnung an den großen Streik der Isländerinnen 1975, als sie gezeigt haben, wir ihr Land faktisch zum Stillstand kam. Also, wer noch Kapazitäten frei hat, kann am Montag streiken gehen.

Gender Care Gap

Den Gender Care Gap beleuchtet auch das (https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap) Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Es gibt an, dass wir im Durchschnitt zehn Stunden mehr pro Woche an unbezahlter Care-Arbeit leisten als Männer: Frauen würden 29 Stunden in der Woche und Männer 20 Stunden in der Woche kostenlos arbeiten. Diese Zeit fehlt dann halt einfach für das Erwerbsleben, heißt: Weniger Geld, weniger Absicherung im Fall einer Trennung oder eines Todesfalls, weniger Rente, weniger schönes Leben. Denn nur von Dankbarkeit kann man sich auch keine neue Handtasche kaufen, zumal nicht mal Dankbarkeit garantiert ist. Bei der Gelegenheit drängt sich auch nochmal der Mythos der systemrelevanten Jobs aus der Corona-Zeit auf: Pflege, Erziehung, Betreuung, Einzelhandel: Alles Jobs, die fest in Frauenhand sind, und die kurzzeitig mit großem Applaus bedacht wurden. Ist davon irgendwas geblieben? Hab‘ ich was verpasst?

Während meiner Recherchen habe ich neu dazu gelernt, was es mit dem Mythos der durchweg schlechter bezahlten Frauenjobs auf sich hat – abseits der Ansicht, dass Pflege, Betreuung und Erziehung ja Herzensdinge sind, für die wenig Bezahlung durchaus reicht. Dr. Elisabeth Wagner, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin, hat festgestellt, dass Frauen nicht deshalb weniger verdienen, weil sie sich für schlechter bezahlte Jobs entscheiden, sondern, dass die Jobs schlechter bezahlt werden, weil sie von Frauen gemacht werden. Forschungen belegen, dass die Bezahlung zu sinken beginnt, wenn Frauen in großem Maß in ein männlich dominiertes Berufsfeld eintreten; außerdem sinkt dann auch das Prestige. Beispiele dafür sind Berufe wie Sekretärinnen oder auch Lehrerinnen. Wer’s nicht glaubt, kann ja mal zurückblicken, wie das Prestige des Lehrerberufs sich verändert hat. Gleiches wird auch von Ehrenämtern berichtet: In Kirchenvorständen beispielsweise saßen zu Zeiten, als es noch viel zu repräsentieren und wenig Lästiges zu tun gab, viel mehr Männer, für die es ein echtes „Ehrenamt“ war. Heute sinkt das Ansehen, steigt die Arbeit und damit auch der Frauenanteil. Doch es geht auch umgekehrt: Wird aus einem klassischen Frauenberuf, wie es tatsächlich am Anfang der Digitalisierung das Programmieren war, ein Männerberuf, dann steigt die Entlohnung. Schön für die Männer. Vorgestern Abend habe ich in den Nachrichten übrigens gehört, dass Frauen jetzt mehr für das Handwerk begeistert werden sollen. Wenn das klappt und die Logik von Frau Wagner stimmt, dann werden Handwerkerleistungen in Zukunft endlich billiger – toll, oder?

Thomas-Kreislauf

Und damit ist auch klar, dass Männer lieber doch unter sich bleiben: Wer will sich schon von Frauen im Job das Gehalt und das Ansehen verhunzen lassen. Und so – wir kommen zu einem weiteren Kern-Thema der Frauentagskolumne – bleiben die Thomasse in den Aufsichtsräten auch lieber für sich:

Der neue AllBright-Bericht aus dem Jahr 2025 zeigt, dass Deutschlands Vorstandsetagen in alte Muster verfallen: Statt Fortschritt und Vielfalt gibt es wieder mehr Thomasse als Frauen. Der Frauenanteil in deutschen Vorständen stagniert bei nur 19,7 % – und bei den Neubesetzungen ist der Anteil weiblicher Führungskräfte sogar von 37 % auf 20 % gefallen. In unsicheren Zeiten greifen dem Bericht zufolge viele Aufsichtsräte wieder auf „bewährte Muster“ zurück – sprich: auf Männer, die ihre Ausbildung in Westdeutschland absolviert haben und das auch noch hauptsächlich in den Wirtschaftswissenschaften. Das bremst nicht nur die Modernisierung der Unternehmensführung, sondern ist auch ein Warnsignal für die Gleichstellung in Deutschland. Denn während Frauen und Männer hierzulande fast gleich häufig erwerbstätig sind, liegt der Anteil von Frauen in Führungspositionen generell mit 29 % deutlich unter dem EU-Durchschnitt (35 %). Ein Hauptgrund: die hohe Teilzeitquote. Da war doch was!? (https://www.vdu.de/aktuelles/news/statement-zum-frauenanteil-in-vorstaenden/  und https://www.allbright-stiftung.de/spitze)

Der Preis der Teilzeit – Preis des Patriarchats

Ja, da war was: Unabhängig von Jobs in Führungsebenen kostet die Tatsache, dass Frauen in Deutschland nicht so arbeiten können oder dürfen, wie sie möchten (oft aufgrund fehlender Kinderbetreuung, steuerlicher Fehlanreize oder Teilzeitfallen), die deutsche Wirtschaft jährlich 372 Milliarden Euro. Das hat ChatGPT von der Wirtschafts- und Finanzberaterin Dr. Maria Boerner abgeschrieben. (https://www.linkedin.com/posts/maria-a-boerner_machtgebiete-activity-7401882347496689664-ch9Y/) Und das könnte, so die Ökonomin Katharina Wrohlich, die zu den Auswüchsen des Ehegatten-Splitting forscht, noch eher ein Grund für die Abschaffung der Arbeitshindernisse sein, als die Idee, dass es vielleicht auch ein klitzekleines bisschen ungerecht ist, wenn Frauen aufgrund der Bewahrung alter Strukturen vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden und Alleinerziehende von der Herdprämie aus den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts überhaupt nicht profitieren: Bis zu 500.000 Vollzeit-Arbeitskräfte gäbe es mehr in Deutschland, wäre da nicht das Ehegatten-Splitting. Fragt sich, ob man von der CDU eine kleine Transferleistung von der Lifestyle-Teilzeit bis zum Ehegatten-Splitting erhoffen darf; ich bin gespannt, aber skeptisch.

Die Boeckler-Stiftung gibt an, dass nach wie vor Elternschaft eine wichtige Rolle für Teilzeit spielt: Wenn Kinder in einem Haushalt leben, ist der Antell der Paare mit einem männlichen Alleinverdiener doppelt so hoch wie bei kinderlosen Paaren. Zur Arbeitszeit gibt die Stiftung an, dass Frauen viermal so häufig in Teilzeit beschäftigt sind als Männer. Ab dem 30. Lebensjahr nehmen Frauen verstärkt eine Tätigkeit in Teilzeit auf; Männer dagegen sind dann fast ausschließlich nur noch in Vollzeit beschäftigt. Dieser Pseudo-Luxus kostet die deutsche Wirtschaft wie gesagt 372 Milliarden Euro im Jahr und die Frauen eine auskömmliche Rente.

Was das Patriarchat die Gesellschaft außerdem noch kostet, das hat der Wirtschaftswissenschaftler Boris von Heesen mal kurz ausgerechnet: Mit Gewalt, Unfällen, Sucht, Diskriminierung, Hate Speech und Extremismus dominieren Männer die Statistiken des Abgrunds: Sie verursachen doppelt so viele Verkehrsunfälle, begehen mit Abstand die meisten Straftaten und belegen deshalb auch 94 Prozent der deutschen Gefängnisse. 75 Prozent der Alkoholtoten jedes Jahr sind männlich und mehr als 80 Prozent der häuslichen Gewalt geht von Männern aus. Damit verursachen sie der Gesellschaft auch immense Kosten, nämlich 63 Milliarden Euro jedes Jahr. Da ist natürlich ihr Vorsprung aus dem Gender Pay Gap auch schnell mal aufgebraucht!

Sexuelle Gewalt vs. Wirtschaftskriminalität

Dass Gerechtigkeit vor Wirtschaftlichkeit eine Rolle spielen könnte bei der Gleichstellung, das wäre ja genauso absurd wie die Tatsache, dass Ex-Prinz Andrew nun doch wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen belangt würde. Das dachte ich tatsächlich kurz, als ich hörte, dass er an seinem Geburtstag Besuch von der Polizei hatte, die auf der Wache mit ihm weiterfeiern wollte. „Ja, dachte ich, jetzt sollen sie mal sehen, die alten Säcke, dass man doch nicht ungestraft mit Frauen machen kann, was man will, wenn man sich nur gegenseitig deckt.“ Der Gedanke währte bis zum nächsten Nebensatz der Nachrichtensprecherin, die verkündete, dass der Verdacht auf Amtsmissbrauch (Misconduct in public office), lautet, was ja auch wirklich, wirklich gravierender ist als sexueller Missbrauch, seien wir doch mal ehrlich. Ex-Prinz Andrew soll in seiner früheren Rolle als Handelsbeauftragter vertrauliche Dokumente an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergegeben haben. Auf diese Art und Weise werden wohl noch viele Herren und vermutlich auch ein paar Damen aus der Versenkung schauen müssen, was aber bleibt, ist der Beigeschmack, dass missbrauchte Frauen in der Causa Epstein kein Grund für Maßnahmen jedweder Art sind. „Zu mächtig für Moral“ titelt daher das Portal Frauen.100. Mächtige, reiche Männer, die alles haben können, was sie wollen, und sich daher auch all das nehmen, was sie auf legalem Weg nicht bekommen können. Unrechtsbewusstsein? Fehlanzeige. Weil sie es sind. Was Frauen in diesem System für einen Stellenwert haben, sieht man an der Frage, die das Magazin Monitor gestellt hat: „Dass Menschen die Akten eines toten Mannes brauchen, um tausenden lebenden Frauen zu glauben, sagt alles darüber, wessen Stimmen gehört werden und wessen nicht.“ Das legt natürlich auch die Vermutung nahe, dass man niemals Gisèle Pelicot geglaubt hätte, wenn ihr Ehemonster nicht alles aufgenommen hätte. Und dass die Männer in dem Prozess um die vielfache Vergewaltigung unter Schlafmitteln keinerlei Unrechtsbewusstsein entwickeln, weil sie, wie sie sagen, dachten, das habe einvernehmlich stattgefunden, und die Hoffnung hegen, mit dem Scheiß durchzukommen, sagt alles. Gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Wenigstens bei uns.

Und die Politiker so?

Apropos bei uns. Wir haben ja Friedrich Merz. Gottseidank. Und was er nicht weiß, weiß Markus Söder. Was also soll uns Töchtern schon passieren? Schauen wir zunächst auf das Frauenbild unseres Bundeskanzlers: Bekanntlich war er ja einer derjenigen, die seinerzeit dagegen gestimmt haben, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar werden soll (glücklicherweise erfolglos). Das war 1997, es gab also Zeit für Learnings. 2024 meinte er dann, er würde heute anders stimmen. Ich hoffe, es war ein Lernerfolg, aber vielleicht wollte er auch nur gewählt werden. Nach wie vor ist er gegen die Abschaffung des Paragrafen 218. Er glaubt, dass schon allein die Diskussion darum einen „gesellschaftlichen Großkonflikt“ hervorrufen könnte – und das bei einer Frage, in der sich ausnahmsweise mal bis zu 80 Prozent (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/auch-kirchenmitglieder-mehrheitlich-dafur-grosse-mehrheit-unterstutzt-abschaffung-des-paragrafen-218-12779258.html) der Deutschen einig sind.

Gut, dass der Kanzler auch sonst so harmoniebedürftig ist – wie man an den unnützen Debatten um die Lifestyle-Teilzeit oder die Arbeitsmoral der Deutschen gut sehen kann – und dass er sich sonst so für die Belange der Frauen einsetzt. Schon allein, weil er ja selber Töchter hat und eine Frau. Dass er seine weiblichen Familienmitglieder da gerne als pseudofeministische Alibifunktion heranzieht, zeigt eigentlich nur, dass er Frauenfragen gerne ins Private verlegt, wie die Journalistin Lea Streisand in der ZEIT darlegt. Sie schreibt: „Es sind solche Aussagen, die vermuten lassen: So richtig ernst nimmt Friedrich Merz die Frauen nicht. Und ihre Belange erst recht nicht. Die Frauenfrage ist für den Kanzler eine familiäre Angelegenheit. So rechtfertigte er seine umstrittenen Aussagen in der Migrationsdebatte zum „Stadtbild“ vergangenen Oktober ebenfalls mit Verweis auf „Töchter“, die erklären könnten, was er „damit gemeint haben könnte“. Vorgetragen mit jenem zwinkernden Lächeln, das er für „Frauenthemen“ reserviert zu haben scheint.“

Wie schön, wenn man sein althergebrachtes Frauenbild mit der Vorstellung von den kriminellen Migranten so nett in Einklang bringen kann. Ich hatte als Vorbereitung für diesen Beitrag zur Frauenwoche ja eine kleine Umfrage gestartet. Zehn Frauen haben mitgemacht und – womit ich persönlich nicht gerechnet hätte – vier von ihnen fühlen sich heute am Abend und in der Nacht tatsächlich unsicherer auf den Straßen als früher und bringen dies mit der Anwesenheit von Migranten in Verbindung. Ein Punkt für Friedrich Merz, würde ich sagen. Und ein Learning für mich: Nicht alles, was ich zum Thema Merz, Migranten und Frauen denke, sehen andere Frauen auch so! Merz und seine Mitstreiter – gerne auch die hier vor Ort, die wir bald wieder wählen sollen – bekommen in meiner Umfrage viele wertvolle Tipps an die Hand, was sie zur Sicherheit ihrer Töchter beitragen könnten: Mehr Beleuchtung, insbesondere in weniger belebten Gassen („Alsfeld ist sehr dunkel“, heißt es hier, „Bürgersteige werden zum Teil überhaupt nicht ausgeleuchtet“), Hilfeinseln, Polizeipräsenz, mehr Kameras, Straftäter konsequent verfolgen, billige Nachttaxis für Frauen, Gefährdungsproblematiken benennen.

Mit Blick auf die Gesellschaft an sich wünschen sich die Frauen in meiner kleinen Umfrage paritätische Beteiligung, damit ihre Belange – wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf, kein Karriereknick wegen Kinderpause oder flexiblere Arbeitszeitmodelle – ernstgenommen und umgesetzt werden. Sie plädieren für die Abschaffung des Ehegatten-Splittings und der Steuerklasse 5. Und sie wünschen sich, dass die Medizin frauenfreundlicher wird. Die Themen sind nicht besonders neu und damit nicht besonders originell – umso erschreckender ist es, dass man hier jahre-, um nicht zu sagen, jahrzehntelang auf der Stelle tritt.

Rolle rückwärts?

Aber vielleicht ist ja genau das der Plan. Wenn man keine großartigen Fortschritte macht, merkt man auch die Rückschritte nicht so deutlich. Und die könnte es durchaus geben: Laut einer Studie des Medienhauses Correctiv haben 42 Prozent der männlichen Jugendlichen ein Geschlechterbild, das Männern mehr Rechte zugesteht als Frauen. Bestätigung dafür finden sie in den Sozialen Medien. Dort begegnen junge Männer dann Typen wie Andrew Tate, der u.a. sagt, Frauen seien das Eigentum eines Mannes. Tates gesamte Ideologie ist darauf ausgerichtet, dass Männer das stärkere, wertvollere Geschlecht seien. Frauen hingegen seien dazu da, von Männern benutzt und ausgenutzt zu werden – nicht zuletzt, wenn es der eigenen Karriere diene. Mehrere Milliarden Mal werden solche Clips angesehen und wieder und wieder geteilt. Männer wie er könnten mit der Grund dafür sein, dass die Studie rund 26 Prozent der befragten jungen Männer ein „besorgniserregendes Weltbild“ bescheinigt. Neben hierarchischen, traditionellen Rollenbildern gehören dazu rechte politische Einstellungen, Klimaskepsis und LGBTQ+-Ablehnung. Da könnte was auf uns zukommen, zumal auch Politiker wie Markus Söder die Männlichkeit wieder neu für sich entdecken. Warum sonst würde er, wie im September 2025 geschehen, in einer Pilotenjacke vom Typ Top Gun auftreten, mit Vollbart natürlich? Klar, er hat an diesem Tag auf einem Flugplatzgelände eine Designstudie für ein unbemanntes KI-Kampfflugzeug präsentiert. Aber wenn das der Grund für sein martialisches Outfit wäre, müsste er sich bei einer Papst-Audienz ja mindestens Mal als Kardinal verkleiden oder sich beim Besuch der Landfrauen von Hintertupfingen ins Dirndl schmeißen, oder? Aber Herr Söder schreckte ja bekanntlich auch vor dem Vergleich mit der Frau ohne Unterleib nicht zurück. „Das hat der nicht in Echt gesagt“, dachte ich, als ich zum ersten Mal davon hörte, aber er hat: Ebenfalls im September, der wohl offenbar als Markus‘ Männlichkeitsmonat in die Geschichte eingehen wird, sagte er doch tatsächlich „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland eine Dame ohne Unterleib.“ Das ist so bescheuert, da fehlen selbst mir weitere Worte. Söder hat eine Frau und zwei Töchter – was sie zu solchen Aussagen sagen, ist mir nicht bekannt. Vielleicht sollte man einfach mal dazu übergehen, auch solche missratenen Vergleiche anzubringen wie „Eine Regierung ohne paritätische Besetzung ist wie ein Mann ohne Gemächt.“ Vielleicht würde Herr Söder diese bildliche Ansprache sogar verstehen.

Gute Nachrichten:

Bei alldem ist aber die gute Nachricht: Solche Dinge – wie zuletzt bei den Olympischen Winterspielen, als der Kommentator nicht also erstes die Leistung von Anastasia Gubanova nannte, sondern ihren Familienstand („Meine Herren, sie ist leider bereits vergeben. Sie ist mit einem finnischen Eiskunstläufer verheiratet.“) passieren nicht mehr unkommentiert. Viele Menschen regen sich darüber auf. Auch Männer. Und das ist gut so. Wir, die wir freiwillig mit unseren Männern zusammensind, weil wir sie völlig zu Recht gut finden, sollten sie dazu ermutigen, Partei für uns und unsere Anliegen zu ergreifen. Und sie sollten dies auch ihren Söhnen und Brüdern weitersagen, um mal in des Kanzlers Familienbanden zu bleiben. Und es gibt kleine, aber feine Errungenschaften in der Gegenwart:

So bekommt Rita Süßmuth – die Frau, der Deutschland mehr verdankt als vielen anderen, männlichen Politikern – einen Trauerstaatsakt. Als dritte Frau in der BRD überhaupt (nach Aenne Brauksiepe und Annemarie Renger). Achtundvierzig Männer stehen in der Liste, und wer meint, es habe halt auch bisher wenige Frauen in hohen Ämtern gegeben, der sei versichert: Es sind auch ganz normale Minister a.D. dabei.

Als weiteres positives Ergebnis ist zu vermelden, dass es seit letztem Jahr einen Mutterschutz bei Fehlgeburten gibt, initiiert von Natascha Sagorski. Die Kolumnistin und Autorin hat mit einer Petition an den Deutschen Bundestag erreicht, dass es einen gestaffelten Mutterschutz nach Fehlgeburten gibt. Im Vogelsberg haben wir endlich wieder ein Frauenhaus. Nicht, dass es toll wäre, dass es ein solches Haus geben muss, aber es wichtig, eines zu haben, wenn Frauen es brauchen. Kleine Schritte, mit denen wir nicht zufrieden sein können. Aber besser als keine. Und zu tun bleibt allerhand: Noch sind beispielsweise heimliche Aufnahmen in Saunen nicht strafbar und was mit KI-generierten Nacktaufnahmen geschehen kann und damit auch mit Menschen, die sie herstellen und verbreiten, ist immer noch unklar. Ich habe letztens auf dem Profil eines Alsfelders ein Nacktbild von Annalena Baerbock gesehen und frage mich schon, a) wes Geistes Kind man da sein muss und b) warum dies schon wieder nur ein Problem von Frauen ist.

Die Fragen gehen weiter, die Arbeit auch. Wir können keine Rückschritte akzeptieren, sondern müssen einfach dranbleiben, um gleiche Rechte wirklich durchzusetzen. Hilf ja nix.

Von allem die Hälfte!

Lasst uns also losgehen, in Sneakers, Pumps oder Siebenmeilenstiefeln. Lasst uns Unrecht benennen und lasst uns nervig sein. Ich bin sicher, dass es für mich da und dort schon automatische E-Mail-Weiterleitungen in so ein Nerv-Postfach gibt, wenn die Schlitt schon wieder was will. Sich zum Beispiel über einen ungerechtfertigten Strafzettel beschweren oder mehr Inklusion in unserer Stadt fordern. Oder mehr Beleuchtung und mehr Radwege. Billige Nachttaxis vielleicht und einfach von allem die Hälfte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.